Wetten auf Ausbrüche: Können Prognosemärkte Krankheiten vorhersagen?

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Während die Masernfälle in den Vereinigten Staaten zunehmen, zeichnet sich in der Finanzwelt ein neuer und kontroverser Trend ab: Spieler wetten Millionen von Dollar auf die Ausbreitung des Virus.

Seit Januar wurden fast 9 Millionen US-Dollar auf Prognosemärkten wie Kalshi und Polymarket für zukünftige Maserninfektionen gewettet. Während die Ethik des Profits aus einer Krise der öffentlichen Gesundheit heftig diskutiert wird, offenbaren diese Märkte einen überraschenden potenziellen Nutzen: Sie könnten tatsächlich als funktionelles Instrument für epidemiologische Prognosen dienen.

Wie Prognosemärkte funktionieren

Prognosemärkte funktionieren nach dem Prinzip des Kaufs und Verkaufs von „Aktien“ bei einem zukünftigen Ereignis. Im Gegensatz zu herkömmlichen Sportwetten funktionieren diese Märkte eher wie eine Börse für reale Ergebnisse.

  • Preis als Wahrscheinlichkeit: Der Preis einer „Aktie“ spiegelt die kollektive Überzeugung des Marktes wider. Wenn 86 % der Händler glauben, dass ein Ereignis eintreten wird, kostet eine „Ja“-Aktie 86 Cent.
  • Die Auszahlung: Wenn das Ereignis eintritt, erhält der Gewinner 1 $ pro Aktie. Ist dies nicht der Fall, wird die Aktie wertlos und die verlierenden Händler finanzieren effektiv die Gewinne der Gewinner.
  • Die „Weisheit der Massen“: Befürworter wie Emile Servan-Schreiber, CEO von Hypermind, argumentieren, dass diese Märkte erfolgreich sind, weil sie „kognitive Vielfalt“ nutzen. Selbst wenn es einzelnen Wettenden an medizinischem Fachwissen mangelt, kann die kollektive Intelligenz einer vielfältigen Gruppe oft zu einer äußerst genauen Prognose zusammengeführt werden.

Von der akademischen Forschung zur kommerziellen Kontroverse

Das Konzept, Märkte zur Vorhersage von Ereignissen zu nutzen, entstand 1988 an der University of Iowa, wo Ökonomen kleine Märkte nutzten, um US-Wahlen vorherzusagen. Im Jahr 2003 begannen Forscher, Infektionskrankheiten in diese Modelle einzubeziehen, da sie darin eine Möglichkeit sahen, durch bessere Prognosen dem „öffentlichen Wohl“ zu dienen.

Allerdings hat der Übergang von der akademischen Tätigkeit zum kommerziellen Unternehmertum erhebliche Reibungsverluste mit sich gebracht:
1. Ethische Gegenreaktion: Kritiker argumentieren, dass Wetten auf Kriege (wie die in der Ukraine oder im Iran) unmoralisch seien.
2. Sicherheitsbedenken: Aufsehen erregende Siege – etwa ein Händler, der 553.000 US-Dollar einstreicht, weil er die Absetzung des iranischen Ayatollah Ali Khamenei vorhergesagt hat – haben US-Gesetzgeber zu der Frage veranlasst, ob Händler Insiderinformationen oder Staatsgeheimnisse nutzen, um sich einen Vorteil zu verschaffen.
3. Regulatorische Kontrolle: Während Unternehmen wie Kalshi von der Commodity Futures Trading Commission reguliert werden, sehen sie sich zunehmendem Druck sowohl von Bundes- als auch von Landesregierungen ausgesetzt.

Ein neuer Datenstrom für Epidemiologen?

Trotz der moralischen Grauzonen beginnen Wissenschaftler, in den durch diese Wetten generierten Daten einen „Silberstreifen“ zu erkennen.

Im Juni 2025 prognostizierten Prognosemärkte etwa 2.000 Masernfälle bis zum Jahresende. Die tatsächliche Zahl betrug 2.288. Für Epidemiologen ist dieser Grad an Genauigkeit bemerkenswert. Spencer J. Fox von der Northern Arizona University, der sich auf die Vorhersage von Viren wie COVID-19 und RSV spezialisiert hat, stellte fest, dass diese Vorhersage vielen traditionellen wissenschaftlichen Modellen tatsächlich überlegen sei.

„Jeder ist auf der Suche nach einem Vorsprung bei der Vorhersage von Infektionskrankheiten, und wir sind ständig auf der Suche nach neuen Datenströmen.“ — Spencer J. Fox

Die Grenzen der „Crowd Intelligence“

Obwohl Prognosemärkte einen neuartigen Datenstrom bieten, sind sie kein Ersatz für die traditionelle Wissenschaft. Experten weisen auf mehrere kritische Einschränkungen hin:

  • Mangelnde Granularität: Wissenschaftliche Modelle können Tausende spezifischer, sehr detaillierter Prognosen erstellen. Um dies über Prognosemärkte zu reproduzieren, müsste ein Benutzer jede Woche Tausende von Einzelwetten platzieren.
  • Das „Seltene-Ereignis“-Problem: Während Massen gut darin sind, allgemeine Trends vorherzusagen, argumentieren Experten, dass nur Spezialisten seltene Ereignisse mit großer Auswirkung genau vorhersagen können.
  • Komplexität der Variablen: Die traditionelle Epidemiologie stützt sich auf komplexe Daten – wie Impfraten, Genomsequenzierung und Klimamuster –, die Prognosemärkte nicht von Natur aus verarbeiten.

Während sich die Welt auf zukünftige Pandemien vorbereitet, bleibt die Spannung bestehen: Können wir uns auf die „Weisheit der Masse“ verlassen, um die öffentliche Gesundheit zu schützen, oder untergräbt die Kommerzialisierung von Ausbrüchen genau das Fachwissen, das zu ihrer Bewältigung erforderlich ist?


Schlussfolgerung: Während Prognosemärkte eine kontroverse und ethisch komplexe Möglichkeit bieten, Krankheitsausbrüche zu verfolgen, lässt ihre Fähigkeit, genaue Echtzeitdaten bereitzustellen, vermuten, dass sie zu einem wertvollen, wenn auch ergänzenden Instrument für die moderne Epidemiologie werden könnten.